Vermischtes - Berichte
 
Radtour vom Bodensee zum Königssee !

Erlebt und aufgeschrieben von Delia Hyder

Schon seit 2012 spukt der Wunsch durch meinen Kopf diesen Radweg einmal abzufahren.

2013 haben wir noch andere Reisepläne, doch da ich in 2014 einen runden Geburtstag feiere habe ich die Idee mir die Tour zum Geburtstag zu schenken. Vielleicht könnten dann die Unterkünfte etwas luxuriöser ausfallen. Die Radkarte liegt schon seit langem in der Schublade. Voller Vorfreude studiere ich die Strecke, die mit einer Länge von 420 km angegeben wird. Bei einer Woche Fahrzeit und geteilt durch 7 macht das Tagesetappen von ca. 60 km – also gut zu schaffen. Mit Hilfe der Karte sehe ich nach, welche schönen Orte bei dieser Einteilung zum Übernachten in Frage kommen. Das Allgäu ist voller Sehenswürdigkeiten, so dass man eigentlich viel öfters übernachten müsste. Aber ich bleibe bei meiner Fahrzeit von einer Woche, weil sich daran eine Woche Erholungsurlaub in Berchtesgaden anschließen soll.
Anfang Januar telefoniere ich mit meiner Cousine und Radelschwester Anne in Köln um ihr das Programm vorzustellen. Von der Erholungswoche ist sie sofort begeistert, für die Radstrecke bittet sie sich Bedenkzeit aus. Anfang Februar ist die Ferienwohnung gebucht und der Fahrradträger fürs Auto gekauft. Die Planung sieht nämlich vor, dass Jimmy mit dem Auto nach Berchtesgaden kommt, um die Erholungswoche mit uns zu verbringen, und anschließend uns Radler samt Gepäck und Fahrräder wieder zurück zu trans-portieren.
Anne befürchtet, dass ihre Kondition für die Steigungen im Alpenvorland nicht ausreicht, und hat einen Kompromiss parat: Sie wird in Innsbruck starten und den Innradweg bis zum Chiemsee fahren, wo sich die beiden Radwege kreuzen und wir uns treffen können.

Kurz nach Ostern nutze ich den Frühbucherrabatt und kaufe ein Bahnticket für die Strecke GT-Lindau für nur 72,00€ mit nur zweimal umsteigen. Damit sind die wichtigsten Vorbereitungen abgeschlossen.

Sonntag, 6. 7.

Abfahrt um 6.05 Uhr am Bahnhof in GT. Das Wetter ist schön, und ich bin ganz erstaunt, wie viele Leute um diese Zeit schon oder immer noch unterwegs sind.
Nachdem ich in Hamm umgestiegen bin, komme ich gegen 9.30 Uhr in Köln an.
Auf dem Bahnsteig werde ich von Anne erwartet. Wir haben gerade mal eine Viertelstunde Zeit zum Quatschen, dann geht es für mich weiter direkt nach Lindau, während Anne kurze Zeit später in den Zug Richtung Innsbruck einsteigt. Die Fahrt am Rhein entlang ist wunderschön, und die Anspannung nach dem Schuljahrsende und den Reisevorberei-tungen lässt allmählich nach. Am Nachmittag läuft der Zug pünktlich in Lindau ein. Dank der FLG, die mir einen DJH-Ausweis geliehen hat, habe ich in der Jugendherberge ein Zimmer reserviert. Das Haus liegt in der Nähe des Seeufers und der Altstadt und ist vom Bahnhof aus schnell erreicht. Mein Einzelzimmer ist sehr einfach ausgestattet, hat aber einen Balkon und Dusche und sollte mit gut 40€ eine meiner teuersten Unterkünfte bleiben. Ich verbringe den warmen Sommerabend in der Altstadt von Lindau und bin mit dem Beginn der Reise hoch zufrieden. Auf dem Rückweg zur JH entdecke ich das Streckenschild vom Bodensee-Königssee-Radweg, so dass ich schon genau weiß, wo ich am nächsten Morgen einsteigen muss.

Montag, 7. 7.

Obwohl es mein erster Ferientag ist und es im Haus sehr ruhig ist, bin ich schon um 6.00 Uhr wach. Im großen Speisesaal ist noch nichts los, und ich komme mir etwas verloren vor. Um 8.00 Uhr sitze ich auf dem Fahrrad und fahre die ersten Kilometer am Ufer des Bodensees entlang. Dann biegt die Strecke nach Norden ab und führt über mehrere Kilometer an der österreichischen Grenze entlang. Im Ort Hörbranz kann ich es mir nicht verkneifen, mal gerade die Grenze zu überqueren und 20 m nach Österreich reinzufahren.
Die Wolken verziehen sich und es wird richtig warm. Die ersten kleinen Steigungen lassen nicht lange auf sich warten, und besonders gemein sind die, die sich lange hinziehen und auf den ersten Blick gar nicht als Steigung zu erkennen sind. Aber ich bin noch voller Tatendrang und genieße die schöne Landschaft. Nach 40 km muss ich hinter Röthenbach das erste Mal schieben. Eine Steigung von 18% ist mit den Gepäcktaschen und meinem 8-Gang-Rad nicht zu schaffen. Am Nachmittag erreiche ich Immenstadt i. Allgäu, mein Tacho zeigt 75 km an. Die Touristeninfo vermittelt mir ein Privatquartier, das sich als eine große Wohnung mit einer grauenhaften Einrichtung entpuppt. Ich habe die Wahl zwischen drei Betten. Als ich nach einem guten bayrischen Essen und zwei großen Radlern in die Pension zurückkehre, ziehen dunkle Wolken auf und die ersten Blitze zucken. Damit ist das schöne Wetter beendet.

Dienstag, 8. 7.

Es klopft um 7.30 Uhr, und das Frühstück wird mir auf einem großen Tablett in mein Wohnzimmer gebracht. Es regnet in Strömen und der Wetterbericht sagt „anhaltende Regenfälle“ voraus. Während des Frühstücks studiere ich die Radkarte. Auf der nächsten Etappe sind dauernd Steigungen angezeigt, was logisch ist, denn der höchste Punkt der gesamten Strecke muss erreicht werden. Ich beschließe, die nächsten 50 km auszulassen und statt dessen mit der Bahn nach Füssen zu fahren. Auf der Fahrt zum Bahnhof merke ich schnell, dass es empfindlich kalt geworden ist. Die Auskunft am Schalter ist genauso gruselig wie das Wetter: 1. Der nächste Zug fährt erst in 50 Minuten. 2. Es gibt keine direkte Verbindung nach Füssen, sondern ich muss erst 60 km nach Norden bis Kaufbeuren fahren, dort umsteigen, und dann wieder 40 km nach Süden fahren. 3. Der Luxus für ca. 2 Stunden im Trockenen zu sitzen kostet mich 25€. Während ich frierend auf dem zugigen Bahnsteig stehe, erscheinen 2 weitere Radfahrer mit dem gleichen Ziel. Es ist ein Ehepaar aus der Schweiz, die mit Mountainbikes ausgerüstet sind. Der Mann zieht einen kleinen Anhänger, auf dem das gesamte Gepäck verstaut ist. Es gibt keinen Aufzug, und wir helfen uns gegenseitig um das Gleis zu wechseln. Laut Fahrplan haben wir in Kaufbeuren 10 min Zeit zum Umsteigen, unser Zug hat aber bereits 5 min Verspätung. Der Schaffner hat uns informiert, dass wir den Bahnsteig wechseln müssen. Es herrscht höchste Hektik, einen Aufzug gibt es nicht. Also die Taschen abmachen, das Fahrrad schnappen (spontane Hilfe gibt`s immer) und treppab, treppauf auf den nächsten Bahn-steig. Die Türen vom Anschlusszug sind bereits geschlossen. Ich öffne die nächstbeste Tür und stelle fest, dass der Zug proppenvoll ist. Trotzdem hilft mir ein netter Mensch das Fahrrad reinzuhieven. Ich mache ihm noch schnell klar, dass er unbedingt die Tür blockieren soll, weil ich noch mein Gepäck holen muss. Also noch zweimal treppauf, treppab um die Taschen zu holen. Als der Zug anfährt bin ich fix und fertig und klatsch-nass geschwitzt. Im Gang liegt der Anhänger der Schweitzer, von den beiden ist nichts zu sehen. Solidarität unter Radlern stelle ich mir anders vor! An einen Sitzplatz ist nicht zu denken, denn die Abteile sind überfüllt mit asiatischen Jugendlichen, die alle das gleiche Ziel haben: Schloss Neuschwanstein. Obwohl der Schaffner kaum an meinem Rad vorbeikommt, sagt er nur gelassen: Das ist auf dieser Strecke ganz normal. Füssen mit seiner Lage am Lech und dem hochgelegenen Schloss sieht sehr interessant aus, doch bei dem Regen habe ich keine Lust auf eine Stadtbesichtigung. Die ersten 20 km auf der Radstrecke sind relativ flach, dann komme ich in ein Waldgebiet, wo es heftig bergauf und bergab geht. Ich nehme einen Umweg in Kauf und fahre zur Wieskirche, die zum Welt-kulturerbe gehört. Ich habe Glück, denn ein Geistlicher hält gerade einen sehr interessanten Vortrag über die Architektur und die Gemälde dieser außergewöhnlichen Barockkirche. Anschließend wird es spannend, denn Nebenstrecken sind kaum ausgeschildert. Ich bin richtig erleichtert, als ich schließlich mitten im Wald wieder auf die Hauptstrecke treffe und mich auf die Beschilderung verlassen kann. Kurz vor Bad Kohlgrub zeigt der Tacho 44 km und es reicht mir für heute. Ich finde ein schönes Zimmer für 25 €, und die nette Wirtin versorgt mich mit Zeitungspapier, damit die Schuhe trocknen können. Abends telefoniere ich mit Anne. Ihr ergeht es nicht besser, am Inn regnet`s auch.

Sie versucht mich mit einem Spruch von Karl Valentin aufzumuntern:

Ich freue mich wenn es regnet!
Denn es regnet auch, wenn ich mich nicht freue!

Mittwoch, 9.7.

Noch bevor ich richtig wach bin höre ich, dass es draußen rauscht und plätschert.
Eine Wandergruppe, die am Nebentisch sitzt und frühstückt, beschließt einen Ausflug mit dem Auto nach Oberammergau zu machen. Gute Idee, wenn man das Auto vor der Tür stehen hat. Ich studiere wieder meine Karte und stelle fest, dass Kochel und Murnau nicht weit entfernt sind. Das gibt den Ausschlag mein Programm zu ändern und auf Bus und Bahn umzusteigen. Ich buche mein Zimmer für eine weitere Nacht, und die Wirtin stattet mich mit einem kleinen Rucksack und einem Schirm aus. Eine Haltestelle der Bahn liegt nur 100 m vom Haus entfernt, und so erreiche ich nach kurzer Fahrt Murnau. Im Schloss-museum ist es trocken und warm, die Ausstellung der Künstlergruppe „Blaue Reiter“ sehenswert. Anschließend geht es mit dem Bus weiter nach Kochel am See ins Franz Marc Museum. Auf dem Rückweg, der wieder über Murnau führt, schaffe ich noch gerade, das Wohnhaus von Gabriele Münter zu besichtigen, das nur am Nachmittag geöffnet hat. Am Abend bin ich mit dem Verlauf des Tages sehr zufrieden. Einzig der durch den eingeschobenen Kulturtag entstandene Kilometerrückstand macht mir etwas Sorgen.

Donnerstag, 10.7.

Der Himmel ist immer noch grau, aber es regnet zumindest nicht mehr. Anfangs fahre ich kilometerweit immer leicht bergab, um dann lange Zeit ohne Steigungen am Rande des Murnauer Moos entlangzuradeln. Ich erreiche zum zweiten Mal Kochel, fahre aber durch eine wunderbare Moorlandschaft direkt weiter zum Kloster Benediktbeuren. Das Kloster-Cafe ist sehr empfehlenswert. Laut Reiseführer soll man hier einen tollen Blick auf die Benediktenwand haben, doch leider sind die Berge komplett unter Wolken versteckt.
Am Nachmittag erreiche ich Bad Tölz mit der schönen Marktstraße. In dem Ort ist viel los, und ich habe keine Lust in einem teuren Kurhotel zu übernachten und womöglich noch Kurtaxe zu zahlen. Bei einem Blick auf die Karte stelle ich fest, dass kurz hinter Bad Tölz die Strecke durch ein großes Waldgebiet führt. Einige Pfeile weisen auf besondere Steigungen hin. Auf den kommenden 10 km liegt kein Dorf und damit auch keine Über-nachtungsmöglichkeit. Es ist jetzt 16.00 Uhr und ich beschließe, erst einmal aus Bad Tölz herauszufahren und mein Nachtquartier dem Zufall zu überlassen: Finde ich vor dem Waldgebiet noch ein Zimmer, werde ich für heute Schluss machen. Wenn ich kein Quartier finde, fahre ich weiter, und es gibt eben etwas später Abendessen. Im letzten Dorf vorm Waldrand sehe ich ein Schild: Ferienwohnungen. Die Besitzerin bietet mir ein Top-appartment inklusive Frühstück für 30 € an. Den kleinen Balkon kann ich leider nicht nutzen, weil es zu nass und zu kalt ist. Am Abend gehe ich ins einzige Wirtshaus im Dorf.
Das Haus hat schon bessere Zeiten gesehen, aber das Essen ist typisch bayrisch und gut. Die Wirtin sitzt mit drei einheimischen Arbeitern am Stammtisch. Von der Unterhaltung der vier verstehe ich fast gar nichts und fühle mich wie im Ausland.

Freitag, 11. 7.

Um 5.30 Uhr werde ich von schrecklichen Geräuschen geweckt. Draußen ist es dämmrig wie im Herbst, und der Regen prasselt aufs Dach. Die Dachrinne kann das Wasser nicht fassen und es plätschert über den Balkon. Meine Stimmung sinkt auf den Tiefstpunkt, und bei so viel Wasser könnte ich gleich mitheulen. Wenn ich noch einen Tag Regenpause einlege, kann ich unseren vereinbarten Treffpunkt nicht pünktlich erreichen. Ich könnte mit dem Zug bis zum Chiemsee fahren, aber dafür bin ich nicht mit dem Fahrrad nach Bayern gekommen. Das Frühstück ist reichhaltig und wird in der großen Wohnküche mit einem riesigen Kachelofen serviert. Aber irgendwie schmeckt es mir heute nicht richtig. Als ich startklar bin und meine Satteltaschen zum Fahrrad bringe, hat es aufgehört zu regnen. Aber die Wolken hängen so tief, dass der nahe Waldrand kaum zu sehen ist, und es ist saukalt. Handschuhe wären nicht schlecht gewesen, doch dafür habe ich ja den Badeanzug eingepackt. Die Strecke durch den Wald sorgt dafür, dass mir bald sehr warm wird. Die Steigungen kosten Kraft und Zeit. Auch wenn es bergab geht muss ich langsam fahren, weil es ein Schotterweg ist, auf dem sich nach dem Wolkenbruch in den Furchen viele Rinnsale gebildet haben. Trotz alledem ist es eine wunderschöne Strecke, denn ich bin noch nie durch so einen urwüchsigen Wald gefahren. Über viele Kilometer plätschert parallel zum Weg ein Gebirgsbach. Es ist Natur pur, und ich treffe nur einen einzigen Radfahrer, der mich mit dem Mountainbike überholt. Am Ende des Waldes kommt dann die Krönung: 20% Steigung hoch zum Marienstein. Das heißt wieder mal absteigen und schieben. Nach der letzten Kehre liegt vor mir ein Golfplatz mit Golfhotel in einer traumhaften Lage mit Blick auf den Tegernsee. Während ich den Ausblick genieße, sehe ich, wie sich ein Mountainbikefahrer auf meiner Abfahrtstrecke hochquält. Hinter ihm folgen nach und nach noch mehrere, bis schließlich eine ganze Gruppe älterer Herren (alle im Sportoutfit) die Höhe erreicht haben. Die meisten sehen ziemlich fertig aus und schnappen nach Luft. Für mich beginnt eine lange, tolle Abfahrt Richtung Tegernsee, und als ich am Seeufer ankomme kann ich verstehen, was die Herren geleistet haben. Da ich bis jetzt noch nicht viele Kilometer geschafft habe, halte ich mich nicht lange auf und fahre weiter zum Schliersee. Es ist Mittagszeit und ich will am Seeufer ein Picknick machen. Das fällt buchstäblich ins Wasser, weil es wieder anfängt zu regnen. Nur wenige Touristen gehen am Ufer spazieren, es wirkt alles etwas trostlos. Ich flüchte in ein Cafe und tröste mich mit einem heißen Kakao. Am Nachmittag bessert sich das Wetter und ich komme gut voran. Einmal habe ich den Radweg verlassen und habe den kürzeren Weg über eine Landstraße gewählt, was sicher eine gute Entscheidung war. Gegen 16.00 Uhr überquere ich den Inn und erreiche mein Ziel, den Ort Neubeuern. Eigentlich sollte hier unser Treffpunkt sein, doch Anne war schon vor zwei Tagen hier und ist weitergefahren nach Bernau um sich den Chiemsee anzuschauen. Die Touristeninfo vermittelt mir ein Zimmer auf einem Bauernhof etwas außerhalb des Ortes. Es ist wie in einer anderen Welt. Die Hühner laufen auf dem Hof und im Garten frei herum, vor der Haustür balgen sich drei junge Kätzchen. Bis zum Abend haben sich sämtliche Wolken verzogen. Der Himmel ist zum ersten Mal strahlend blau, und es ist richtig warm geworden. Zum Essen fahre ich nochmals nach Neubeuern. Vor einem Gasthaus steht auf der Tageskarte als Spezialität des Tages „Mehlspeisen“. Ich setze mich auf die Terrasse in die Abendsonne, habe vor mir die wunderschönen Häuser um den Marktplatz, und bekomme den besten Kaiserschmarrn aller Zeiten. Das Leben ist wieder schön.

Samstag, 12. 7.

Ich bekomme in der Wohnstube mein Frühstück serviert mit einem frischen Ei von glücklichen Hühnern. Ich glaube in diesem Raum hat sich seit 100 Jahren nichts geändert, außer dass auf einem kleinen Tischchen ein Laptop steht. Als ich starte ist das Wetter nicht mehr so schön wie gestern Abend, aber zumindest (noch) trocken. Die folgende Strecke ist meistens flach und verläuft lange Zeit parallel zur A8 und der Deutschen Alpenstraße. Es gibt eine kurze Zwangspause wegen eines heftigen Regenschauers, und ich treffe das Paar aus der Schweiz wieder, mit denen ich einige Kilometer gemeinsam radel. Am späten Vormittag treffe ich in Bernau ein, wo ich Anne in ihrer Pension abhole. Wir freuen uns riesig über das Wiedersehen, doch wir halten uns nicht lange auf, sondern beschließen zügig weiterzufahren, denn wir wollen noch 35 km bis Traunstein schaffen. Auf gut ausgebauten und beschilderten Wegen geht es ständig bergauf und bergab. Als wir in einem Ort Rast machen, treffen wir nochmals auf die Schweizer. Die Frau hat gerade telefoniert und ruft uns zu: „Ätsch, ich habe gerade das letzte freie Zimmer in Traunstein gebucht.“ Traunstein ist eine größere Stadt, und wir sind uns einig, dass sie uns auf den Arm nehmen will. Die letzten Kilometer führen entlang der Traun, bis wir schließlich in Traunstein auf dem großen Marktplatz stehen. Die Touristeninfo hat nur bis 14 Uhr geöffnet, und das am Wochenende in der Ferienzeit. Es ist tatsächlich so, dass die Hotels im Zentrum ausgebucht sind. Wir haben bisher immer die Erfahrung gemacht, dass man am schnellsten Erfolg hat, wenn man die Leute anspricht und sich durchfragt. So erhalten wir den Hinweis auf ein Hotel etwas außerhalb des Zentrums. Doch auch hier die Auskunft: Leider ausgebucht. Der italienische Geschäftsführer gibt sich die größte Mühe uns weiterzuhelfen. Er scheint einen guten Draht zu einem anderen Hotel zu haben. „Ist nur 3 km von hier. Ist ganz leicht zu finden. Muss Cheffe fragen, ob noch Zimmer frei sind. Ist auch billiger als hier.“ Es klappt, das Nachtquartier ist sicher. Wir erhalten noch eine temperamentvolle Beschreibung der Route und den Auftrag auf jeden Fall zu erwähnen, dass wir auf seine Empfehlung hin dort gebucht haben. Wir müssen zwar noch einmal auf einer heftigen Steigung die Räder schieben, doch dann geht es bequem entlang einer Bahnlinie bis zur nächsten Ortschaft, wo das Gasthaus Alpenblick liegt. Von einer Anhöhe aus haben wir einen herrlichen Blick auf das Alpenvorland. Es ist schön warm geworden, und wir können unser erstes gemeinsames Radler auf der Terrasse genießen.

Sonntag, 13. 7.

Das Gasthaus ist ein Familienunternehmen, und nach dem deftigen Abendessen ist auch das Frühstücksbuffet reichhaltig bestückt. Gut gestärkt nehmen wir die letzte Etappe in Angriff. Ich spüre außerdem, dass mich der Gedanke an das nahe Ziel sehr erleichtert.
Vor uns liegt eine Strecke mit langgezogenen Steigungen und entsprechenden Abfahrten. Durch das viele Bremsen haben wir unser erstes technisches Problem: Die Bremsbacken an Annes Hinterrad schleifen, die Bremse lässt sich nicht richtig lösen. Wir beratschlagen noch, wie und ob wir das Problem lösen können, als ein älteres Ehepaar mit Walking-stöcken anhält und fragt, ob sie uns helfen können. Der Mann meint das Problem erkannt zu haben und fragt nach Werkzeug. Der Herr ist wirklich total hilfsbereit, wirkt aber schon etwas zittrig und nicht wie der geborene Mechaniker. Ich krame trotzdem mein Multifunktionswerkzeug vom Aldi aus der Satteltasche, und bald ist der passende Schlüssel gefunden. Ein paar Schrauben werden gelockert, an der Bremse wird etwas gerüttelt, dann werden die Schrauben nach einigen Fehlversuchen wieder angezogen.
Mit Erfolg, die Bremse schleift nicht mehr, doch ab jetzt hat Anne kein volles Vertrauen mehr in die Funktionstüchtigkeit ihrer Hinterradbremse. Unsere erste größere Pause machen wir in Höglwörth mit seinem idyllischen See. Der Ort scheint in Bayern bekannt zu sein, denn beim Klosterwirt ist viel los, und wir sehen viele Autos von Ausflüglern mit Münchner oder Salzburger Kennzeichen. Nach Höglwörth fahren wir oft dicht entlang der A8 und überqueren diese auch mehrmals. Kurz vor der Grenze nach Österreich biegen wir nach Süden ab und folgen der Saalach bis Bad Reichenhall, ein vielbesuchter Kurort. Uns ist schon vorher mehrfach berichtet worden, dass zwischen Bad Reichenhall und Berchtesgaden eine letzte heftige Steigung zu bewältigen ist. Anne macht sich Sorgen wegen ihrer Bremse. Sie möchte sich bei starkem Gefälle nicht nur auf die Vorderradbremse verlassen. Wir lösen das Problem, indem wir zum Bahnhof fahren und Anne ein Bahnticket bis Berchtesgaden kauft. Unser nächster Treffpunkt ist die Ferienwohnung. Während Anne auf ihren Zug wartet, mache ich mich auf die Suche nach der Fahrradroute. Es geht stetig bergauf, und ausgerechnet hier übersehe ich ein Schild und verfahre mich. Als ich nach einiger Zeit die richtige Route wiederfinde, geht es erst richtig los: 24% Steigung und 20 Minuten schieben bis zur Höhe von Hallthurm. Doch danach kommt die Belohnung. Bis Berchtesgaden geht es immer leicht bergab. Als ich im Ort bin klingelt mein Handy. Anne: Ist dir klar wo wir wohnen? – Natürlich, ich kenne doch die Adresse. – Aber dir ist sicher nicht klar, dass das Haus am Berghang liegt. Überlege dir gut, ob du dich von Jimmy abholen lässt. Mich so kurz vorm Ziel abholen lassen kommt überhaupt nicht in Frage. Ich werfe im Ort einen Blick auf den Stadtplan und fahre weiter. Aber nicht lange. Annes Vorwarnung war berechtigt. Die Straße windet sich in Serpentinen und 24% Steigung den Berg hoch. Ein letztes Mal schieben. Anne, Jimmy und der Vermieter erwarten mich vor dem Ferienhaus. Ich werde mit Applaus und einer Rose aus Nachbars Garten begrüßt. Das kann ich jetzt gut gebrauchen, denn die letzte Steigung hat mich echt geschafft. Doch Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Jetzt heißt es schnell auspacken, duschen, im Ort etwas essen, und um Punkt 21 Uhr sitzen wir vorm Fernseher zum WM-Finale. Ein toller Abschluss dieser Tour. Wenn wir nicht so müde gewesen wären, hätten wir noch mitgefeiert.



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